Vor Gericht ohne Anwalt – Geht sowas?

Vor Gericht ohne Anwalt – Geht sowas?

Deutschland ist ein äußerst klagsfreudiges Land. Viele Meinungsverschiedenheiten, die anderswo in einer privaten Absprache ausgemacht werden, landen hierzulande vor Gericht. Das kann teuer kommen und so hört man immer wieder die Frage: Kann ich nicht auch ohne Anwalt vor Gericht gehen? So schwer kann es doch nicht sein den eigenen Standpunkt, von dem man tief überzeugt ist, auch vor dem Richter darzulegen. Das deutsche Recht, lässt die Selbstvertretung in vielen Situationen zu, doch wer nicht selbst Jurist ist, sollte es sich sehr gut überlegen, ob er das Risiko eingehen will ohne rechtlichen Beistand vor Gericht zu erscheinen.

Wann ist die Selbstvertretung zulässig?

Grundsätzlich dürfen Sie sich vor dem Amtsgericht selbst vertreten sofern es sich nicht um eine Ehesache, also zum Bespiel eine Scheidung, handelt. Vor dem Landgericht und Oberlandesgericht besteht Anwaltszwang. Vor Arbeits- und Finanzgerichten können Sie ohne Anwalt erscheinen, aber vor dem Bundesfinanzhof müssen Sie sich vertreten lassen. Allerdings ist hier nicht unbedingt ein Anwalt erforderlich. Ihr Vertreter kann auch Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder vereidigter Buchprüfer sein. Vor dem Bundesgerichtshof brauchen Sie nicht nur einen Anwalt, sondern dieser muss sogar ausdrücklich für den Bundesgerichtshof zugelassen sein. In verwaltungsrechtlichen Angelegenheiten dürfen Sie sich vor den Verwaltungsgerichten selbst vertreten, aber nicht vor dem Oberverwaltungsgericht oder Bundesverwaltungsgericht. Auch vor den Sozialgerichten und Landessozialgerichten ist die Selbstvertretung zulässig. Vor dem Bundessozialgericht herrscht jedoch wieder Vertretungspflicht.

Ist die Selbstvertretung sinnvoll?

Wenn Sie nicht selbst Jurist sind, ist in den meisten Fällen von der Selbstvertretung abzuraten. Der rechtliche Fachjargon ist für den Laien sehr verwirrend und allzu oft geht es vor Gericht um Auslegungen, Definitionen und das Zitieren von Präzedenzfällen. Dann sind Sie ohne einen erfahrenen Experten, der sich in diesen Dingen auskennt, klar im Nachteil gegenüber einem entsprechend vertretenen Prozessgegner. Als Laie machen Sie nie einen so guten Eindruck wie ein Profi und das kann schnell dazu führen, dass dieser nicht nur als kompetenter, sondern auch als glaubwürdiger empfunden wird als Sie.

Was ist bei der Selbstvertretung vor Gericht zu beachten?

Wenn Sie sich dennoch entscheiden sich vor Gericht selbst zu vertreten, sollten Sie einige grundsätzliche Regeln beachten:

  • Vorbereitet sein: Informieren Sie sich im Vorfeld über ähnliche Verfahren und bereiten Sie sich gründlich vor.
  • Ihr Auftreten: Tragen Sie angemessene Kleidung und verhalten Sie sich gegenüber allen Beteiligten höflich und gegenüber dem Richter respektvoll. Ein guter Eindruck von Ihrer Person lässt Sie auch glaubwürdiger erscheinen.
  • Aufmerksamkeit: Hören Sie dem Richter gut zu und lassen Sie Ihre Gedanken nicht abschweifen. Auch wenn sich Juristen manchmal sehr umständlich ausdrücken, ist es wichtig, dass Sie wissen was gesagt wurde und später auf wichtige Punkte eingehen können. Formulieren Sie aber nicht während der Richter spricht an Ihren eigenen Aussagen herum. Dabei können Sie leicht weitere wichtige Aussagen verpassen.
  • Sachlich bleiben: Auch wenn Sie den Eindruck haben, dass alle anderen lange herumschwafeln, sollten Sie klar bei der Sache bleiben und sich eher kurz fassen. So stellen Sie sicher, dass die Gedanken der anderen Prozessteilnehmer nicht abschweifen und Ihre wichtigen Aussagen nicht in einem unnötigen Wortschwall untergehen.
  • Fachwissen im Voraus präsentieren: Ist für das Verständnis Ihres Falls, oder Ihrer Verteidigung, spezielles nicht rechtliches Fachwissen erforderlich, zum Beispiel aus Ihrem Beruf, präsentieren Sie dieses nicht erst in der mündlichen Verhandlung. Schreiben Sie es bereits im Vorhinein in den Schriftsatz, damit sich der Richter entsprechend vorbereiten und eventuell einen Experten beiziehen kann. Sprechen Sie es dann in der Verhandlung in dem Vertrauen an, dass der Richter das notwendige Wissen bereits hat. Seien Sie aber darauf vorbereitet nähere Fragen dazu zu beantworten.

Mit welchem Ergebnis ist zu rechnen?

Wer ohne einen Anwalt vor Gericht erscheint, sollte nicht mit einem klaren Sieg rechnen auch wenn ihm die Sachlage eindeutig erscheint. Zumeist enden solche Verfahren mit einem Vergleich. Nehmen Sie sich jedoch auf jeden Fall einen Anwalt, wenn Sie der Meinung sind, dass Sie nicht auch mit einer Niederlage leben können